„Eine Feier der Vielfalt.“
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)
„Ein Verdienst der wunderbaren Produktion ist auch, die Trennung von ‚hoher Kunst‘ und Artistik zu überwinden und das ästhetische Potential im Spektakulären bewusst zu machen.“
(Wiesbadener Kurier, Allgemeine Zeitung Mainz, Darmstädter Echo)
„Sofern es noch einen Nachweis dafür gebraucht hätte, dass die zeitgenössische Musik zu Unrecht im Ruch einer akademischen Blutleere steht – hier wäre er.“
(Offenbach Post und Hanauer Anzeiger)
„Eine humorvolle, analoge Impfung gegen die digitalen Signaturen der Zeit.“
(Deutschlandfunk Musikjournal)
Spectacle Spaces für Artist*innen und Musiker*innen
In einer düsteren, pessimistischen Welt der elektronischen Vereinsamung wird ein nostalgischer Jahrmarkt, der Begegnungen und Vielfalt (Varieté) feiert, anstatt sie zu fürchten, zu Zuflucht und Ablenkung – oder gar zum Ausweg?
Spectacle Spaces lässt zeitgenössische Musik auf moderne Zirkuskunst treffen. Ausgangspunkt ist Mauricio Kagels Varieté – Concert-Spectacle für Artist*innen und Musiker*innen, das die Regeln des klassischen Varietés umkehrt: Die Musik ist nicht mehr zufällige Begleitung szenischer Attraktionen, sondern sie selbst bedingt das Varietéprogramm nach musikalischen Gesichtspunkten.
Daran anknüpfend hat der argentinische Komponist Martin Matalon eine neue Komposition geschaffen, welche im Januar 2017 mit dem Ensemble Modern uraufgeführt wurde: Caravanserail. Wie Teile eines Puzzles unterschiedlicher Geometrie, Farbe, Form und Zeitlichkeit fügt sich seine Musik ineinander, mit der die Tänzer*innen und Akrobat*innen als Kontrapunkt und Projektion ihrer selbst interagieren.
In Spectacle Spaces werden die Musiker*innen des Ensemble Modern auf der Basis der drei Partituren (der Abend wird eröffnet mit Mauricio Kagels Morceau de Concours) zentraler und integraler Bestandteil des artistischen Gesamtkonzepts. Der Gegensatz zwischen zeitgenössischer Musik und staunen machender, unterhaltsamer Artistik wird spielerisch aufgelöst. Grenzen zwischen Sparten und Formaten werden be- und hinterfragt: ein spektakulärer Abend voller bereichernder Kontraste.
Team
Artistic Director, Concept: Robin Witt
Director: Knut Gminder
Choreography: Aleks Uvarov
Light Design: Wiglev von Wedel
Ursprünglich produziert in Kooperation mit Ensemble Modern und der Oper Frankfurt.
Cast – Original Installation
Ensemble Modern: Orchestra
Franck Ollu: Conductor
Rosannah Star: Multicordes
Vladik Miagkostoupov: Juggling
Anna Roudenko: Handbalancing, Aerial Lyra
Walter Holecek: Aerial Silks
Mélanie Nunes: Artistic Pole, Roue Cyr
Cesar Andrade: Roue Cyr, Cube Juggling
Tom Murphy: Physical Comedy
Tour
31. Dezember 2016 – 5. Jänner 2017
Bockenheimer Depot Frankfurt (GER)
Regiestatement
Welcher Voraussetzungen bedarf es, um direkte Interventionen der Artistik in die geschlossene Form einer musikalischen Komposition zu ermöglichen? Wie weit geht die Freiheit, sich auszudrücken, wenn Musiker*innen der Notation einer Komponistin oder eines Komponisten folgen und Artist*innen der Begrenztheit ihrer körperlichen Möglichkeiten ausgeliefert sind? Gibt es etwas in der Kommunikation das wichtiger ist als alles spielen, darstellen zu dürfen und zu können?
In Spectacle Spaces steht die Musik immer im Vordergrund. Die Artistik interveniert. Spectacle Spaces versucht verschiedene Formen der Kommunikation zu untersuchen:
Bei Mauricio Kagels Morceau de Concours ist dies; festen Regeln folgende Einbahn-Kommunikation. Vorbestimmte Reaktion folgt auf vorgefertigte Aktion. Nichts ist zufällig und es gibt nicht einmal indirekten Kontakt zwischen den Performer*innen und den Musiker*innen.
Seit dem 10. Jahrhundert wurden die ummauerten Herbergen an den großen Karawanenstraßen nach einem streng geometrischen Prinzip gebaut. Sie boten eine Vielzahl unterschiedlicher Räume für die vielfältigen Bedürfnisse der Reisenden. Über die trennenden Wände hinweg ergab sich die Möglichkeit den eigenen Bereich zu verlassen und in den gemeinschaftlichen Räumen Gemeinsamkeiten zu erleben.
Wir nähern uns Martin Matalons Caravanserail, indem wir dieses architektonische Prinzip in die Inszenierung übernehmen. Hier teilen sich Musiker*innen und Artist*innen den kleinen vorderen Bühnenbereich in der direkten Kommunikation mit dem Publikum, während sich der eigentliche Arbeitsbereich der Artist*innen durch eine Projektionsfläche als trennende Wand vordergründig den Musiker*innen wie den Zuschauer*innen verschließt. So entstehen Musik und Performance gleichzeitig. Die Freiheit sich auszudrücken ist in dieser Anordnung scheinbar am größten. Dem folgend ist die Artistik halb improvisiert. Durch die räumliche Trennung sind die individuellen Ausdrucksformen der Artist*innen für die Zuschauer*innen ausschließlich zweidimensional konsumierbar, während die Musik sich direkt vor ihnen entfalten kann.
Bei Mauricio Kagels Variété – Concert-Spectacle, im letzten Teil von Spectacle Spaces, kommunizieren alle Künstler*innen direkt miteinander. Auch räumlich ist die Trennung zwischen Musiker*innen und Artist*innen aufgehoben. Keine Aktion, kein Ton entsteht mehr unabhängig voneinander. Jede Aktion ist, mit all ihren Auswirkungen direkt erfahrbar. Nun übernimmt jeder Verantwortung füreinander. Jeder ist auf jeden angewiesen.
